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IDEENHAUS - Meinung 06. September 2019 Pusteblume statt Kautschuk. Oder was die Automesse IAA mit Mikroplastik zu tun hat.

Es sind weder Plastikstrohhalme noch Plastiktüte ...

... der größte Verursacher von Mikroplastik in Deutschland ist der Abrieb von Autoreifen!

Überrascht? So fühlte sich die Automobilmesse IAA gemüßigt, das Thema auf die Agenda zu setzen. Wir fragen uns: Greenwashing der Reifenhersteller, oder sind echte Lösungen zu erwarten?

Lange ging es auf der IAA um PS-starke Boliden, die von leichtbekleideten Frauen präsentiert wurden. Das scheint als Erfolgstreiber ausgedient zu haben. Nicht zuletzt auch weil zunehmend mehr Autofirmen gar nicht mehr bei der IAA ausstellen, waren die Messeveranstalter gezwungen, sich neue Themen einfallen zu lassen. Nur ungern will man das Schicksal der CeBIT nachahmen, die 2019 den Tod der ungepflegten Messemarke sterben musste.

Nun spielen Nachhaltigkeit und Umwelt auch bei der IAA eine größere Rolle – vor allem beim Thema Autoreifen. Das Thema ging auch gut durch die Medien. Denn knapp 1 Kilo Reifenabrieb pro Jahr und Fahrzeug landen davon auf deutschen Straßen. Durch Wind und Regen gelangt das Mikroplastik in die Kanalisation und weiter in die Umwelt. Erschreckende 110.000 Tonnen pro Jahr in Deutschland laut Umweltbundesamt!

Die gute Nachricht ist, dass wirklich seriös geforscht und Alternativen entwickelt werden – auch das renommierte Fraunhofer Institut ist dabei.

Getrieben wurde die Forschung anfangs durch die Rohstoffknappheit beim Kautschuk. Das Ergebnis: Löwenzahn-Gummi. In einem weiteren Projekt haben Fraunhofer-Wissenschaftler erste Reifenprototypen mit Laufflächen aus Synthesekautschuk entwickelt. Diese zeigen gegenüber dem Naturkautschuk 30 bis 50 Prozent weniger Abrieb.

Michelin hat das Ziel ausgerufen, Reifen zu 80 Prozent aus nachhaltigen Materialien wie Limonen und Sonnenblumenöl zu fertigen. Die komplette Recyclingfähigkeit soll im Jahr 2048 möglich sein. Ja, richtig gelesen: in 29 Jahren!

In der Praxis nutzbare Lösungen für die Reduzierung des Reifenabriebs scheint es bislang noch nicht zu geben. Immer wieder wird das Thema der Fahrsicherheit ins Feld geführt, die letztlich über allem stehe.

Umweltverbände fordern Filter für die Kanalisation, um das Mikroplastik daran zu hindern, in den Wasserkreislauf einzutreten. Zusätzlich wird ein Güte-Siegel für Autoreifen mit Kriterien wie Haltbarkeit und Abrieb gefordert, um Verbraucher zu informieren und den Produzenten Druck zu machen.

Ein weiteres, riesiges Problem: Wohin mit den gebrauchten, abgefahrenen Autoreifen?

Dass vor der Küste Floridas 700.000 Autoreifen auf dem Meeresgrund liegen, weiß kaum jemand. Die Entsorgung ist teuer und aufwendig. Deshalb lässt man sie im Moment weiter dort liegen.

Irgendwie scheint das ein langwieriges Unterfangen zu sein. Ecorub, ein schwedisches, börsennotiertes Unternehmen, arbeitet seit 20 Jahren daran, Gummi und auch Autoreifen zu recyceln und wieder in den Rohstoffkreislauf einzubringen. Ein kleiner Lichtblick, der Mut macht.

Das Thema Autoreifenabrieb muss stärker in den öffentlichen Fokus rücken! Und Solange es keine umfassenden Lösungen gibt, sollte jeder seinen eigenen Beitrag leisten: Das Thema weiter verbreiten, das Auto noch häufiger stehen lassen oder konsequent auf andere Verkehrsmittel setzen. Denn: Sharing is caring!

Es ist doch unfassbar, dass uns jetzt erst klar zu werden scheint, wie wir uns mit Mikroplastik selbst vergiften.