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IDEENHAUS - Gedanken 12. August 2019 Plastik: Wenn die Innovation zum Problem wird - Ein Blick nach Südkorea

Die Entdeckung bzw. Entwicklung von Plastik vor 150 Jahren zählt zu den wichtigsten Innovationen des 20. Jahrhunderts. Es ist billig, leicht und einfach zu verarbeiten. Dadurch leistete Plastik einen großen Beitrag zur industriellen Revolution, die als Grundlage unseres heutigen Wohlstandes angesehen wird. Heute kann sich kaum jemand mehr vorstellen, ohne Plastik zu leben. Obwohl es wegen seiner vielen praktischen Eigenschaften sehr beliebt ist, ist der Einsatz von Kunststoff inzwischen sehr fragwürdig. Die größte Erfindung des 20. Jahrhunderts ist heute das größte Problem.

Plastik bedroht die Umwelt, die Tiere und langsam auch den Menschen.

Der Pacific Trash Vortex ist ein Teppich von marinen Schuttpartikeln im nördlichen Pazifik. Inzwischen treiben dort knapp 80.000 Tonnen Plastik in einem Gebiet von 1,6 Millionen Quadratkilometern.

Südkorea hat die Nase vorn

Südkorea ist weltweit die Nummer eins beim jährlichen Kunststoffverbrauch pro Person. 2016 wurden 98,2 Kilogramm Kunststoff pro Person verbraucht. Vermutlich auch eine Ursache und zugleich Folge des enormen wirtschaftlichen Wachstums nach dem Koreakrieg.

Der Reichtum in der Bevölkerung ist schnell gestiegen und ebenso der Wunsch nach Sauberkeit und Hygiene.

Dadurch ist auch der Verbrauch von Kunststoff gestiegen, weil er als Verpackungsmaterial besonders einfach und sauber verwendet werden kann.

 

Das Paradies für Lieferdienste

Korea wird auch als Paradies der Lieferungen bezeichnet. Es ist üblich, alles Mögliche über den Lieferservice zu bestellen. Wenn man zum Beispiel bei einem Lieferservice ein Bulgogi- Lunchpaket bestellt, wird der Reis, die drei verschiedenen Beilagen und das Bolgogi in plattenförmigen Plastikbehältern serviert. Um das Vermischen der Beilagen zu vermeiden, wird das Gericht dabei in einzelnen Plastikbehältern verpackt. Jeder Kleinbehälter wird extra mit einer transparenten Folie verschlossen. Insgesamt verursacht so ein Essen also verschiedenste Abfälle. Das ist natürlich besonders hygienisch. Doch über den anfallenden Müll macht sich bis jetzt kaum einer Gedanken.

Korea ist ein kleines Land mit großer Bevölkerung. Somit gibt es auch wenig Platz für Müll-Deponien. Aus diesem Grund hat das Land eine sehr strenge Recyclingpolitik erlassen. Beim Recycling belegte Korea den zweiten Platz unter den OECD-Ländern. Dennoch sind die tatsächlichen Recyclingquoten eher niedrig. Nur 30 bis 35 Prozent des Plastiks werden recycelt. Der Rest wird wieder dem normalen Müll zugeführt, weil die Wiederverwertung unrentabel ist.

Trotz Entsorgungskonzept - keine Verbesserung

Recycling allein kann jedoch keine grundlegende Lösung für dieses Problem sein. Der beste Weg, Plastikmüll zu reduzieren wäre es, dass Produzenten, Hersteller und Unternehmen die finanzielle Verantwortung für die Entsorgung der von ihnen produzierten Produkte übernehmen. Dieses Konzept wird in Südkorea nun seit 2003 umgesetzt. Dennoch gibt es weiterhin sehr wenig recyclebare Produkte in Korea.
Das Umweltministerium hat daher erneut einen umfassenden Plan ausgearbeitet, nach dem bis 2020 die Produktion auf farblose PET-Flaschen umgestellt werden soll und die Verwendung von Plastiktüten in allen Supermärkten verboten werden soll. Auch das Recyclingsystem soll nochmals überarbeitet werden.

Subventionen für Elektroautos

Die Regierung strebt auch eine Subvention beim Kauf von Elektroautos an, indem sie den Ladestrom zu 50 Prozent übernehmen will. Dadurch soll der Markt für Elektroautos erweitert werden. Aber ist das wirklich eine Lösung? Südkorea produziert 40 Prozent seines Stroms mithilfe von Kohlekraftwerken.

Kosmetikbehälter als Hauptverursacher

Da sich Kosmetikbehälter als Hauptverursacher von Umweltverschmutzung herausgestellt haben, ist die Kosmetikindustrie aktiv bestrebt, Kunststoffbehälter zu reduzieren.
Die koreanische Kosmetikmarke AmorePacific hat eine Geschäftsvereinbarung mit dem Umweltunternehmen Terracycle über das Recycling von Plastikflaschen unterzeichnet. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 ein 100% der Kosmetik-Flaschen zu erreichen.

Plastic Attack

Inzwischen macht sich der Umweltschutz auch im Alltag bemerkbar. Die Kampagne Plastic Attack, die im März 2018 in Großbritannien begann, wird inzwischen auch in Südkorea umgesetzt. Aktivisten protestieren gegen den hohen Plastikverbrauch in Supermärkten, indem sie unnötige Verpackungsteile im Markt als Müll zurücklassen.

Eine Bürgerinitiative, deren Namen man mit „Müll Besessenheit" übersetzen könnte, setzt sich dafür ein, dass das Becherpfand wiederbelebt wird, das bis 2009 in Südkorea verpflichtend galt und dann aufgrund der Liberalisierung der Wirtschaft und geringer Rückgabequoten wieder verworfen wurde. Die Aktivität der Kampagne heute besteht darin, für eine Stunde auf die Straße zu gehen und Plastikbecher zu sammeln, um auf den hohen Verbrauch aufmerksam zu machen.

Seit der Abschaffung des Becherpfands im Jahr 2009 hat sich der Einsatz von Einweg-Plastikbechern drastisch erhöht.

Derzeit wird das Becherpfand nur von einigen wenigen Marken, darunter Starbucks, freiwillig verlangt. Wenn das Pfand verpflichtend durchgesetzt wird, können Unternehmen und Verbraucher, die Einwegbecher verwenden, zur Verantwortung gezogen werden. Die Hoffnung ist, dass dadurch der Plastikverbrauch deutlich reduziert werden kann. Auch diejenigen, die weggeworfene Einwegbecher einsammeln, profitieren von dem Pfandsystem. Die Straßen sollen durch diese win-win Situation sauber gehalten werden.

Wie wir sehen: Auch Südkorea hat den Plastikmüll satt! Jetzt müssen nur noch alle gemeinsam anpacken – Unternehmen, Politik und Verbraucher!

Unser Beitrag hier in Deutschland

Doch Kunststoff ist kein koreanisches Problem. Für uns in Deutschland sind die Nachteile nur nicht so offensichtlich. Nord- und Ostsee sind aus klimatischen und geografischen Gründen nicht so stark betroffen, wie andere Gewässer – Recyclinghöfe liegen im Niemandsland. Unser (Plastik-)Müll ist verbannt aus dem Alltag. Aber er ist da. Wir alle verursachen ihn. Doch wir alle können etwas dagegen unternehmen. Kleine Schritte, die niemandem weh tun, aber der Umwelt und künftigen Generationen helfen können.

Wir haben zum Beispiel in unseren beiden Büros in Nürnberg und München ausschließlich Wasser in Glasflaschen, bald vielleicht sogar eine ganz andere Lösung (seid gespannt – wir werden berichten!). Außerdem gibt es bald Lebensmittel-Boxen für die Kollegen, damit wir das Take-Away-Mittagessen nicht in Einweg-Plastik-Schalen transportieren müssen. Ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer für die Nachwelt.