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IDEENHAUS - Trends 07. Oktober 2019 Kaffee bewegt: Individualität versus Markenstandards à la Starbucks

Italien wehrte sich vergeblich gegen die Ansiedlung von Starbucks und Mattel schickt Ken als Barista in die Welt – Kaffee ist Emotion und bewegt alle!
Neben den Kaffeehausketten wie Starbucks, McCafé & Co. gibt es eine Parallelwelt der Individualisten: Sie stecken hinter Namen wie Bonanza, Bergbrand oder less political. Und ihr ganzer Stolz heißt Marzocco, Cimbali oder Faema.

11.600 Kaffeehäuser gibt es alleine in Deutschland. Viele davon sind kleine, feine von Idealisten und Qualitätsfetischisten geführte Kaffeebars. Wir fragen uns:

Was macht die Faszination der großen Kaffeehausketten aus?

Und warum fühlen sich manche – auch der Autor dieses Artikels übrigens – von den individuellen Kaffeebars angezogen?

Was beide Arten der Brüh-, zuweilen Röst- und Ausschankstätten gemeinsam haben: Hier geht es um guten Kaffee und um einen Platz, an dem man sich wohlfühlt. Third Place nennt das die Soziologie. Also der drittwichtigste Platz nach zu Hause und dem Arbeitsplatz. So ganz weit entfernt ist das nicht von der Kultur der Kaffeehäuser, die man insbesondere aus Wien kennt. Dort verbringt man sehr viel Zeit hinter der aktuellen Zeitung. Heute ist das eher der iPad- oder Laptop-Screen. Schrullige Kellner gibt es in den Kaffeebars nicht, eher coole Barista an der imposanten Siebträgermaschine, dem Herzstück.

Starbucks und der Mega-Third-Place

Starbucks war eines der ersten Unternehmen, das das Third-Place Konzept für seine Shops in unsere Zeit übersetzt und perfekt für den urbanen Menschen umgesetzt hat: Bequeme Couches und Sessel, Lademöglichkeit für Laptop, cosy und zugleich urban-coole Atmosphäre, ein bisschen Seattle-Style. Und Platz für den Bugaboo der Latte Macchiato-Mama gibt es meist auch noch. Die Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. McCafé hat die Idee adaptiert und im eigenen Markenstil realisiert. Womit diese großen Marken punkten: Sie bieten Vertrautheit.

Das gilt auch für den Geschmack, für die Rituale, für die Räumlichkeiten. In seinem Mega-Café, auf über 7.000 qm Fläche im New Yorker Meatpack District, verbindet Starbucks geschickt alle Facetten des Kaffees. Es wird geröstet, gemahlen, gebrüht, gepresst und gefiltert. Und dennoch ist es kein Showroom, sondern eine lebendige Location zum Treffen mit Freunden oder zum Arbeiten am Laptop.

Es geht aber auch anders

Coffee Shop

Das krasse Gegenteil zum riesigen Starbucks-Erlebniscenter sind die kleinen Kaffeebars, von denen es in unseren Großstädten stetig mehr gibt. Da hat man noch einen Barista, der nicht nur einen Löwen in den Milchschaum zeichnet, sondern der auf überhitzte La Pavoni Handhebelmaschinen schimpft und die Pro & Contras von Kegelmahlwerken aufzählt. Seine aufwendigen Signaturen im Milchschaum sind Kreationen, die er vom Latte-Art Contest mitgenommen hat.

Schmeckt der Kaffee in der kleinen Kiez-Kaffeebar tatsächlich besser?

Das wird immer eine individuelle Geschmacksfrage bleiben. In beiden Läden gibt es urban-coole Atmosphäre, die Strombuchse und eine hippe Kundschaft. Der feine Unterschied liegt eher im Mindset der Stammgäste. Wo fühle ich mich wohler? Da spielt vielleicht der persönliche Bezug zum Barista eine Rolle oder die Story über die Herkunft des selbst gerösteten Kaffees. Und ein wenig ist es vielleicht auch ein Statement für die Individualität und somit gegen globale Brands.

Am Rande: Den im Intro erwähnten Ken gibt es tatsächlich. Barbies Dauerbegleiter kommt mit Hipster-Dutt, dezent femininen Gesichtszügen und Barista-Schürze daher. In den Social Media Kanälen gab es reichlich zynische Kommentare dazu.

Fotos von Brooke Cagle, Pejmon Hodaee & Rod Long auf Unsplash